Kapitel 6: Gebäude im Spiegelkabinett

Die Gebäudefotografie wird besonders von einem Effekt geplagt: stürzende Linien, die auf Fotos den Anschein bewirken, als würden sich die Gebäude nach hinten neigen. Man kann den Effekt sehr gut hier am Berliner Hauptbahnhof sehen.

12_bahnhof.jpg

Es sieht nicht nur so aus, als würde sich der ganze Bahnhof nach hinten neigen, er wirkt auch insgesamt krumm und schief, als würde man das Gebäude in einem Zerrspiegel betrachten.

Dieser Effekt tritt vor allem dann auf, wenn man im Weitwinkelbereich fotografiert und die Kamera nicht rechtwinklig zum Motiv hält, wenn man also die Kamera bezogen auf das Motiv nach oben, unten oder zur Seite kippt. Diese Neigung sorgt dann für die stürzenden Linien und die Verzerrungen.

Aber auch hierfür bietet Photoshop eine Lösung: den Objektivkorrekturfilter. Er befindet sich im Filtermenü bei den „Verzerrungsfiltern” und dort dann unter der „Objektivkorrektur”.

12b_bahnhof_objektivkorrektur.jpg

Ehe man den Filter aufruft, sollte man zuerst mit STRG+J eine Kopie der Hintergrundebene anlegen, so ist man auf der sicheren Seite, falls etwas schiefläuft. Im Fenster, das jetzt erscheint stehen zahlreiche Optionen zur Verfügung.

„Chromatische Aberration” entfernt die leidigen Farbränder, die man bei einigen Objektiven erhält, wenn man z.B. einen kahlen Baum vor einem blauen Himmel fotografiert. „Vignette” beseitigt die Abdunkelung in den Ecken, die vor allem im Weitwinkelbereich auftreten kann. „Verzerrung” beseitigt die Trommel- oder Kissenverzerrung der Objektive. In diesem konkreten Beispiel interessiert uns aber hauptsächlich der Punkt „Transformieren”.

Um die stürzenden Linien zu entfernen gibt es zwei Werkzeuge: für senkrechte Linien, die nach vorne oder hinten kippen, muss man die vertikale Perspektive verändern, für waagerechte Linien die kippen, benutzt man die horizontale Perspektive.

Der Hauptbahnhof kippt nach hinten, also müssen wir die vertikale Perspektive ändern, dazu einfach am Schieberegler drehen und sich am Gitternetz orientieren, bis die Gebäudekanten gerade sind. Es ist gut möglich, dass man nicht immer alle Verzerrungen komplett entfernen kann.

Beim Bahnhof ist es so, dass entweder die rechte Kante genau gerade war, dann aber der Turm zur Linken noch etwas nach hinten kippte oder, dass der Turm zur Linken gerade war, dann aber die rechte Kante wieder etwas verzerrt. Ich entschied mich für die rechte Kante und richtete sie gerade aus.

Um jetzt den Turm links auch noch gerade auszurichten braucht es etwas Handarbeit.

Korrektur der Verzerrung:

1. Zuerst wird eine Hilfslinie erstellt. Dazu im Menü „Auswahl” „Neue Hilfslinie” auswählen, als Wert z.B. 100 px eingeben.

2. Jetzt das „Bewegen”-Werkzeug in der Werkzeugpalette aktivieren und mit dem Mauszeiger über die Hilfslinie gehen, bis sich der Cursor verändert. Jetzt die Hilfslinie bis zum Fundament des Turmes ziehen. Der Turm kippt jetzt noch leicht nach hinten.

13_bahnhof_hilfslinie1.jpg

3. Nun mit dem rechteckigen Auswahlwerkzeug eine enge Auswahl um den Turm und den Flügel rechts daneben erstellen. Sie sollte am Fundament beginnen, dort wo auch die Hilfslinie ist, und direkt oberhalb des Turmes enden.

4. Danach die Auswahl in eine neue Ebene kopieren (Tastaturkürzel STRG+J).

5. In der neuen Ebene aktiviert man jetzt das Transformationswerkzeug mit STRG+T, es verbirgt sich sonst im Menü „Bearbeiten” und dort dann unter „Frei transformieren”. Mit gedrückter STRG-Taste jetzt den oberen linken Eckpunkt vorsichtig nach links ziehen, dazu die Hilfslinie als Zielpunkt nehmen.

Der Turm wird geradegerückt. Wenn man zufrieden ist, die Transformation bestätigen. Der Hauptbahnhof sieht jetzt nicht mehr so aus, als würde er aus dem Bild kippen wollen.

14_bahnhof_fertig.jpg

Ein weiterer Verzerrungseffekt, dem man immer wieder begegnet, ist die objektiveigene Verzerrung, sprich Kissen- oder Trommelverzerrung, das Motiv wirkt dann gestaucht oder aufgebläht. Am Foto der Fensterreihen kann man zusätzlich zur eben schon gesehenen perspektivischen Verzerrung auch gut eine typische Kissenverzerrung bemerken.

Die eigentlich parallelen Linien sind zum Bildmittelpunkt hin gekrümmt. Typisches Merkmal einer Weitwinkelaufnahme. Wieder ist die Objektivkorrektur das Hilfsmittel.

15_verzerrung.jpg

Die Korrektur erfolgt so: Zuerst die perspektivische Verzerrung entfernen. Dazu den Schieberegler für die vertikale Verzerrung so lange bewegen, bis die Kanten links und rechts parallel zum Rand sind. Jetzt nur noch die Kissenverzerrung korrigieren. Dazu den Schieberegler bei „Verzerrung entfernen” so lange nach links bewegen, das Bild also sozusagen „aufpumpen”, bis die oberen Fensterkanten gerade sind, man kann sich gut am Gitternetz orientieren.

Das Bild muss jetzt nur noch mit dem Freistellungswerkzeug zurechtgeschnitten werden.

16_entzerrt.jpg

Bei der Gebäudefotografie ist es ratsam, ausreichend Platz um das Hauptmotiv herum zu lassen, also einen Rand zu haben, wenn abzusehen ist, dass das Foto Verzerrungen aufweisen wird, die man hinterher korrigieren will. Bei der Objektivkorrektur wird das Bild gestaucht und teilweise in die Länge gezogen, was bei einem zu engen Bildausschnitt dazu führen kann, dass keine vernünftigen Bildproportionen mehr erreichbar sind, wenn man das Bild freistellt. Ist hingegen genügend Rand vorhanden, kann man nach der Objektivkorrektur mit dem Freistellungswerkzeug wieder einen passenden Bildausschnitt wählen, der dem Standardbildformat entspricht.

Kategorie: Tutorial Ein Kommentar »

Eine Reaktion zu “Kapitel 6: Gebäude im Spiegelkabinett”

  1. Ralf Nöhmer

    Vielleicht sollte man kurz erwähnen, welche Photoshop-Version eingesetzt wird und dass es den Filter “Objektivkorrekturen” nicht in jeder Photoshop-Version gibt.


Kommentar schreiben

Kommentar